Buchbesprechungen zu China
von 
Andreas Gruschke
Georg Blume: 
China ist kein Reich des Bösen. Trotz Tibet muss Berlin auf Peking setzen

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2008, 
104 Seiten
10 Euro 

ISBN 3896841343

Unbedingt kaufen, lesen. Und an politische Interessierte verschenken! Nichts anderes kann ich zu Georg Blumes neuestem Buch China ist kein Reich des Bösen empfehlen. Die deutsche Welt scheint in zwei Lager gespalten: Die einen, die China gut kennen und es wertschätzen, ohne dabei den kritischen Blick zu verlieren; und die anderen, die eigentlich keine Ahnung von dem Land haben, aber ein „Reich des Bösen“ brauchen, um sich (und andern) die immer komplexere, unverständlichere Welt zu erklären und (scheinbar) verständlich zu machen. Und die passenden Bilder werden von den meisten Medien treu und brav geliefert, der Kunde ist König und erhält, was er erwartet. Jeder hat’s ge-Merkelt: Wenn die Milch teurer wird, sind die Chinesen schuld, wer seinen Arbeitsplatz verliert oder weniger kriegt für sein Geld, muss es an China liegen – wer käme da auf die Idee, unsere Wirtschafts- und Politmanager dafür verantwortlich zu machen!? Es müssen die Schlitzaugen sein, deren Schlotzohrigkeit man ja zu kennen meint. Zudem beherrscht von den letzten Kommunisten – das kann ja nicht sein, oder? Die Chinesen achten keine Menschenrechte, und das ist schließlich schlimmer, als dass (gemäß Amnesty International) bald die Hälfte der Deutschen nicht einmal ein einziges Menschenrecht benennen kann.
Aber sie alle glauben über China Bescheid zu wissen! Da hat man in Diskussionen oft noch einen schlechten Stand, selbst wenn man sich mehr als die Hälfte seines Lebens mit dem Reich der Mitte und seinen liebenswerten, wenn auch nicht immer einfachen Menschen (wer ist das schon!) auseinandergesetzt hat. Und wer unter den Chinakennern kennt nicht dieses Gefühl der Ohnmacht ob der durch die Medien geförderten Stereotypen und so zementierten Chinabilder. Wer kennt nicht den Frust ob des zunehmenden China-Bashing, während man gleichzeitig fühlt, wie im Reich der Mitte doch stetig um Verbesserungen gerungen wird? Wie verleiht man diesem Frust eine Stimme, die konstruktiv und produktiv ist?
Wie? So wie Georg Blume! Und wer wäre besser berufen als er? Seit über einem Jahrzehnt China-Korrespondent der ZEIT und der taz sind seine Artikel und Reportagen nicht nur Beschreibungen und oberflächliche, an westlichen Bedürfnissen orientierte Analysen, sondern er liefert Hintergründe und tiefgründige Information. Und er weiß dies alles in Beziehung zu setzen – nicht zu Guantanamo und der Beschneidung der Bürgerrechte in den USA. Das wäre auch möglich, aber steht uns – von der grundsätzlich eher vorhandenen Sympathie gegenüber den USA einmal abgesehen – doch ähnlich fern wie China. Nein, er setzt es vernünftigerweise zu dem in Beziehung, was einst in China war, und zum Zeitrahmen, in dem es sich gewandelt hat; und hier darf ja ruhig auch einmal darauf verwiesen werden, wie lange wir bei uns dafür einstmals gebraucht haben: „Von den Anfängen des Freihandels unter Johan de Witt im 17. Jahrhundert in Holland bis zu einer demokratisch-marktwirtschaftlichen Ordnung für den größten Teil Europas sind drei Jahrhunderte vergangen. China hat mit dem freihandel erst vor dreißig Jahren begonnen. Dafür geht es in dem land heute schon ungeheuer offen und freiheitlich zu.“ (S. 40)
Blume pläsdiert zu Recht dafür, die Entwicklung der Volksrepublik China zu würdigen. Dass man dabei die Kritik an Willkür und Menschenrechtsverletzungen nicht zu kurz kommen lassen muss, macht er aber gleichfalls deutlich. Im Unterschied zu vielen Anderen gehört Blume zu jenen, die Verhältnisse in China anzuklagen vermögen und dabei dennoch ihre Sympathie für das Land und seine Menschen spüren lassen. Genau dies macht die Lektüre so wohltuend und ihn so glaubwürdig. Denn seine Kritik steht nicht losgelöst von allem. Er weiß politisches Fehlverhalten und Schwächen der chinesischen Regierung ebenso zu hinterfragen wie den westlichen Tibet-Hype oder die Dalai-Lama-Euphorie. Gerade im Kontext der scharfen Kritik an manchen Verhältnissen wird die eminente Bedeutung der von ihm beschriebenen Leistungen der chinesischen Regierung besonders deutlich: Sicherung der Lebensgrundlage von 1,3 Milliarden Menschen, Umbau des Rechtssystems oder ein nur langsam, doch immerhin sich verändernder Umgang mit sozialem Protest. Dies erfordert eine differenzierte Sicht auf das Versagen und die Leistungen der chinesischen Politik, und damit auch der Partei. Mit Blick auf Repressionen, Umweltzerstörung und sonstige Sünden wird sie immer genannt. Aber dass sie auch mit den positiven Veränderungen zu tun hat, dass sie diese angestoßen hat, das scheint niemand wahrnehmen zu wollen. Daran aber erinnert Georg Blume.
Geradezu erfrischend ist seine Abrechnung mit der „neuen“ deutschen China-Politik, insbesondere unter der Bundeskanzlerin. Uunfassbar ist ja, wie Frau Merkel in kürzester Zeit das von ihren Vorgängern in Peking angehäufte politische Kapital verspielt hat. Ihre Motive hierfür kennt wohl nur sie selbst, doch erinnern die Beschreibungen von Blume, dem intime politische Kenntnis zugesprochen werden können, an einen feurigen Konvertiten: dass die Kanzlerin durch ihre Herkunft aus einem ehemaligen sozialistischen Land sich nun sich besonders heftig gegen alles, was an ihre „alte Zeit“ erinnert, wendet. Aber, Frau Merkel: Die Volksrepublik China mag ein sozialistisches Land sein, aber die Chinesen sind (Konfuzius sei Dank!) keine Deutschen, und die VR China sollte man auch nicht mit der DDR vergleichen. So wie wir, demokratische Verfassung hin oder her, auch nicht mit den USA gleichgesetzt werden wollen. Und dass China anders ist als die DDR war, und dass es sich auf andere, mehr versprechende Weise wandelt als sich der so genannte Ostblock in Europa vor seinem Zusammenbruch wandelte, das macht Blume mehr als deutlich.
Dass China ist ein Modernisierungsprozess gelungen, dessen Ausmaß der Westen nicht erkennen will, ist tragisch. Das rasche, sicher zuweilen auch beängstigende Wirtschaftswachstum hat nicht nur größere Einkommensunterschiede hervorgebracht, sondern tatsächlich mehr Menschen als je befreit zuvor in der chinesischen Geschichte von bitterer Armut befreit. Innerhalb der KP entstehen pluralistische Strukturen und Ansätze eines Rechts- und Sozialstaats bilden sich allmählich aus: Die Stellung des Einzelnen wird zusehends gestärkt. Eine ernsthafte China-Politik muss diese Bemühungen anerkennen und Demokratiebewegungen unterstützen. Und bei alledem wäre es der Weltwirtschaft in den letzten Jahren wohl noch schlechter ergangen, hätten nicht China und Indien die in den USA ausgelöste Krise abgefedert. Eine  zukunftsfähige Weltgesellschaft kann es folglich nicht nur mit, sondern auch durch das heutige reformkommunistische China geben. Es kann nicht immer nur heißen: China muss sich noch mehr wandeln. Was wandelt sich denn bei uns großartig?
Das Anerkennen der Bemühungen im heutigen China kann dazu führen, dort auch in unserer berechtigten Kritik an den Verhältnissen gehört zu werden. Dass dies unter Schröder schon geschehen war, zeigt Blume deutlich auf. Dies wird Demokratiebestrebungen im Land eher stützen als das üblich gewordene, kontraproduktive China-Bashing, das allein westlichen Egos und politischer Selbstdarstellung im eigenen Land nützt. Dies ohne erhobenen Zeigefinger aufzuzeigen, mit Engagement und Sachkenntnis, mit Leidenschaft und zur rechten Zeit auch milder Stimme, ist das Verdienst diese profunden Essays. Daher noch einmal: kaufen, lesen und verschenken! Wer in der Zeitung irgendwas über China zu lesen gewillt ist, der sollte dieses Buch gelesen haben.
       

Interessiert? Dann können Sie das Buch hier bei Amazon bestellen

Dabei sollte auch an eines seiner älteren, gemeinsam mit seiner Frau verfassten Bücher erinnert werden:
Georg Blume und Chikako Yamamoto: 
Modell China. Im Reich der Reformen

Berlin: Wagenbach Verlag 2002

141 Seiten
9,90 Euro

ISBN: 3803124247
 
 
 

Es mag schon sein, dass, wie ein anderer Rezensent bemängelt, die Buchform Schwächen hat. Meinem Eindruck nach sind hier Reportagen, welche die Autoren im Laufe mehrerer Jahre geschrieben haben, überarbeitet und zu einem Buch zusammengefasst worden. Ist das gerechtfertigt?
Ich meine ja, und wenn man die Inhalte mit dem, was gängigerweise in der Presse zu lesen ist, vergleicht, sogar: auf jeden Fall! Es ist auch kein Buch über die "Reformen Chinas" - so sollte man den Titel nicht missverstehen. Es ist eines über ein Land, in dem Reformen gemacht werden. Und da wird eben auch Alltag beschrieben, aber nicht nur der "ganz normale Alltag", sondern auch das (für viele Westler) Unerwartete, worin eine Vielfalt, Individualität und Pluralität zum Ausdruck kommt, die dem Reich der Mitte gemeinhin nicht zugesprochen wird. Das Tollste dabei ist jedoch, dass man selbst in diesen teilweise Jahre zurück veröffentlichten Reportagen mehr über die Reformen im Land erfährt als in den meisten tagesaktuellen Berichten. Die Medien bei uns interessiert zumeist nur die Wirtschaft, und ein bisschen Menschenrechtsdiskussion mit dem erhobenen Zeigefinger. Was aber auch im rechtlichen Bereich Chinas sich verändert, welche Überlegungen und Maßnahmen es dort zur Lösung der massiven Umweltprobleme gibt und wie pluralistisch die Gesellschaft geworden ist, das kommt doch bei uns kaum irgendwie zur Sprache. Hier in Blume und Yamamotos Buch „Modell China. Im Reich der Reformen“ kommen solche Themen aber durchaus zum Tragen. Und meine Empfehlung ist daher: unbedingt lesen und sich auf die über die lebendigen Beschreibungen des Alltags und die Vermittlung der Gesprächskultur auf China einlassen. Inhaltlich sind auch ihre älteren Texte oft aktueller als was Sie in der Zeitung von morgen über den scheinbaren Monolith China zu lesen bekommen.

Andreas Gruschke