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Unbedingt kaufen, lesen. Und an politische
Interessierte verschenken! Nichts anderes kann ich zu Georg Blumes neuestem
Buch China ist kein Reich des Bösen empfehlen. Die deutsche Welt scheint
in zwei Lager gespalten: Die einen, die China gut kennen und es wertschätzen,
ohne dabei den kritischen Blick zu verlieren; und die anderen, die eigentlich
keine Ahnung von dem Land haben, aber ein „Reich des Bösen“ brauchen, um
sich (und andern) die immer komplexere, unverständlichere Welt zu erklären
und (scheinbar) verständlich zu machen. Und die passenden Bilder werden
von den meisten Medien treu und brav geliefert, der Kunde ist König und
erhält, was er erwartet. Jeder hat’s ge-Merkelt: Wenn die Milch teurer
wird, sind die Chinesen schuld, wer seinen Arbeitsplatz verliert oder weniger
kriegt für sein Geld, muss es an China liegen – wer käme da auf die Idee,
unsere Wirtschafts- und Politmanager dafür verantwortlich zu machen!? Es
müssen die Schlitzaugen sein, deren Schlotzohrigkeit man ja zu kennen meint.
Zudem beherrscht von den letzten Kommunisten – das kann ja nicht sein,
oder? Die Chinesen achten keine Menschenrechte, und das ist schließlich
schlimmer, als dass (gemäß Amnesty International) bald die Hälfte der Deutschen
nicht einmal ein einziges Menschenrecht benennen kann.
Aber sie alle glauben über China Bescheid
zu wissen! Da hat man in Diskussionen oft noch einen schlechten Stand,
selbst wenn man sich mehr als die Hälfte seines Lebens mit dem Reich der
Mitte und seinen liebenswerten, wenn auch nicht immer einfachen Menschen
(wer ist das schon!) auseinandergesetzt hat. Und wer unter den Chinakennern
kennt nicht dieses Gefühl der Ohnmacht ob der durch die Medien geförderten
Stereotypen und so zementierten Chinabilder. Wer kennt nicht den Frust
ob des zunehmenden China-Bashing, während man gleichzeitig fühlt, wie im
Reich der Mitte doch stetig um Verbesserungen gerungen wird? Wie verleiht
man diesem Frust eine Stimme, die konstruktiv und produktiv ist?
Wie? So wie Georg Blume! Und wer wäre besser
berufen als er? Seit über einem Jahrzehnt China-Korrespondent der ZEIT
und der taz sind seine Artikel und Reportagen nicht nur Beschreibungen
und oberflächliche, an westlichen Bedürfnissen orientierte Analysen, sondern
er liefert Hintergründe und tiefgründige Information. Und er weiß dies
alles in Beziehung zu setzen – nicht zu Guantanamo und der Beschneidung
der Bürgerrechte in den USA. Das wäre auch möglich, aber steht uns – von
der grundsätzlich eher vorhandenen Sympathie gegenüber den USA einmal abgesehen
– doch ähnlich fern wie China. Nein, er setzt es vernünftigerweise zu dem
in Beziehung, was einst in China war, und zum Zeitrahmen, in dem es sich
gewandelt hat; und hier darf ja ruhig auch einmal darauf verwiesen werden,
wie lange wir bei uns dafür einstmals gebraucht haben: „Von den Anfängen
des Freihandels unter Johan de Witt im 17. Jahrhundert in Holland bis zu
einer demokratisch-marktwirtschaftlichen Ordnung für den größten Teil Europas
sind drei Jahrhunderte vergangen. China hat mit dem freihandel erst vor
dreißig Jahren begonnen. Dafür geht es in dem land heute schon ungeheuer
offen und freiheitlich zu.“ (S. 40)
Blume pläsdiert zu Recht dafür, die Entwicklung
der Volksrepublik China zu würdigen. Dass man dabei die Kritik an Willkür
und Menschenrechtsverletzungen nicht zu kurz kommen lassen muss, macht
er aber gleichfalls deutlich. Im Unterschied zu vielen Anderen gehört Blume
zu jenen, die Verhältnisse in China anzuklagen vermögen und dabei dennoch
ihre Sympathie für das Land und seine Menschen spüren lassen. Genau dies
macht die Lektüre so wohltuend und ihn so glaubwürdig. Denn seine Kritik
steht nicht losgelöst von allem. Er weiß politisches Fehlverhalten und
Schwächen der chinesischen Regierung ebenso zu hinterfragen wie den westlichen
Tibet-Hype oder die Dalai-Lama-Euphorie. Gerade im Kontext der scharfen
Kritik an manchen Verhältnissen wird die eminente Bedeutung der von ihm
beschriebenen Leistungen der chinesischen Regierung besonders deutlich:
Sicherung der Lebensgrundlage von 1,3 Milliarden Menschen, Umbau des Rechtssystems
oder ein nur langsam, doch immerhin sich verändernder Umgang mit sozialem
Protest. Dies erfordert eine differenzierte Sicht auf das Versagen und
die Leistungen der chinesischen Politik, und damit auch der Partei. Mit
Blick auf Repressionen, Umweltzerstörung und sonstige Sünden wird sie immer
genannt. Aber dass sie auch mit den positiven Veränderungen zu tun hat,
dass sie diese angestoßen hat, das scheint niemand wahrnehmen zu wollen.
Daran aber erinnert Georg Blume.
Geradezu erfrischend ist seine Abrechnung
mit der „neuen“ deutschen China-Politik, insbesondere unter der Bundeskanzlerin.
Uunfassbar ist ja, wie Frau Merkel in kürzester Zeit das von ihren Vorgängern
in Peking angehäufte politische Kapital verspielt hat. Ihre Motive hierfür
kennt wohl nur sie selbst, doch erinnern die Beschreibungen von Blume,
dem intime politische Kenntnis zugesprochen werden können, an einen feurigen
Konvertiten: dass die Kanzlerin durch ihre Herkunft aus einem ehemaligen
sozialistischen Land sich nun sich besonders heftig gegen alles, was an
ihre „alte Zeit“ erinnert, wendet. Aber, Frau Merkel: Die Volksrepublik
China mag ein sozialistisches Land sein, aber die Chinesen sind (Konfuzius
sei Dank!) keine Deutschen, und die VR China sollte man auch nicht mit
der DDR vergleichen. So wie wir, demokratische Verfassung hin oder her,
auch nicht mit den USA gleichgesetzt werden wollen. Und dass China anders
ist als die DDR war, und dass es sich auf andere, mehr versprechende Weise
wandelt als sich der so genannte Ostblock in Europa vor seinem Zusammenbruch
wandelte, das macht Blume mehr als deutlich.
Dass China ist ein Modernisierungsprozess
gelungen, dessen Ausmaß der Westen nicht erkennen will, ist tragisch. Das
rasche, sicher zuweilen auch beängstigende Wirtschaftswachstum hat nicht
nur größere Einkommensunterschiede hervorgebracht, sondern tatsächlich
mehr Menschen als je befreit zuvor in der chinesischen Geschichte von bitterer
Armut befreit. Innerhalb der KP entstehen pluralistische Strukturen und
Ansätze eines Rechts- und Sozialstaats bilden sich allmählich aus: Die
Stellung des Einzelnen wird zusehends gestärkt. Eine ernsthafte China-Politik
muss diese Bemühungen anerkennen und Demokratiebewegungen unterstützen.
Und bei alledem wäre es der Weltwirtschaft in den letzten Jahren wohl noch
schlechter ergangen, hätten nicht China und Indien die in den USA ausgelöste
Krise abgefedert. Eine zukunftsfähige Weltgesellschaft kann es folglich
nicht nur mit, sondern auch durch das heutige reformkommunistische China
geben. Es kann nicht immer nur heißen: China muss sich noch mehr wandeln.
Was wandelt sich denn bei uns großartig?
Das Anerkennen der Bemühungen im heutigen
China kann dazu führen, dort auch in unserer berechtigten Kritik an den
Verhältnissen gehört zu werden. Dass dies unter Schröder schon geschehen
war, zeigt Blume deutlich auf. Dies wird Demokratiebestrebungen im Land
eher stützen als das üblich gewordene, kontraproduktive China-Bashing,
das allein westlichen Egos und politischer Selbstdarstellung im eigenen
Land nützt. Dies ohne erhobenen Zeigefinger aufzuzeigen, mit Engagement
und Sachkenntnis, mit Leidenschaft und zur rechten Zeit auch milder Stimme,
ist das Verdienst diese profunden Essays. Daher noch einmal: kaufen, lesen
und verschenken! Wer in der Zeitung irgendwas über China zu lesen gewillt
ist, der sollte dieses Buch gelesen haben.
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Es mag schon sein, dass, wie ein anderer Rezensent
bemängelt, die Buchform Schwächen hat. Meinem Eindruck nach sind hier Reportagen,
welche die Autoren im Laufe mehrerer Jahre geschrieben haben, überarbeitet
und zu einem Buch zusammengefasst worden. Ist das gerechtfertigt?
Ich meine ja, und wenn man die Inhalte mit
dem, was gängigerweise in der Presse zu lesen ist, vergleicht, sogar: auf
jeden Fall! Es ist auch kein Buch über die "Reformen Chinas" - so sollte
man den Titel nicht missverstehen. Es ist eines über ein Land, in dem Reformen
gemacht werden. Und da wird eben auch Alltag beschrieben, aber nicht nur
der "ganz normale Alltag", sondern auch das (für viele Westler) Unerwartete,
worin eine Vielfalt, Individualität und Pluralität zum Ausdruck kommt,
die dem Reich der Mitte gemeinhin nicht zugesprochen wird. Das Tollste
dabei ist jedoch, dass man selbst in diesen teilweise Jahre zurück veröffentlichten
Reportagen mehr über die Reformen im Land erfährt als in den meisten tagesaktuellen
Berichten. Die Medien bei uns interessiert zumeist nur die Wirtschaft,
und ein bisschen Menschenrechtsdiskussion mit dem erhobenen Zeigefinger.
Was aber auch im rechtlichen Bereich Chinas sich verändert, welche Überlegungen
und Maßnahmen es dort zur Lösung der massiven Umweltprobleme gibt und wie
pluralistisch die Gesellschaft geworden ist, das kommt doch bei uns kaum
irgendwie zur Sprache. Hier in Blume und Yamamotos Buch „Modell China.
Im Reich der Reformen“ kommen solche Themen aber durchaus zum Tragen. Und
meine Empfehlung ist daher: unbedingt lesen und sich auf die über die lebendigen
Beschreibungen des Alltags und die Vermittlung der Gesprächskultur auf
China einlassen. Inhaltlich sind auch ihre älteren Texte oft aktueller
als was Sie in der Zeitung von morgen über den scheinbaren Monolith China
zu lesen bekommen.
Andreas Gruschke
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